Ein Krimi für Geniesser


Kapitel 1:   Die Sache mit den Sternen

Gérard lehnte sich aufs Geländer und sah hinunter in die Rheinebene. Das war immer das erste, was er machte, wenn er an einem Ort ankam, an dem er sich nicht auskannte: Er suchte den höchsten Punkt in der Gegend auf und verschaffte sich einen Überblick – wie ein Turmfalke, der ein Revier bezieht.
Er erinnerte sich, dass er als Kind einmal einen Urlaub mit seinen Eltern hier verbracht hatte. Sie hatten ihm von der heiligen Odilie erzählt, die blind gewesen sei, bis zu ihrer Taufe mit 12 Jahren. Danach habe sie mit einem mal sehen können. Deshalb seien der Berg und das Kloster darauf nach ihr benannt. Und das Wasser der Quelle, die auf dem Odilienberg entspringe, solle bis heute gut gegen Augenleiden sein, hatte Gérards Mutter erzählt. Er fragte sich, warum er das noch so genau wusste. Vielleicht weil er damals selbst 12 Jahre alt war und gerade eine Brille bekommen hatte.


Gérard beschloss, zurück nach Itterswiller ins Hotel zu fahren, um in der Winstub auf der anderen Straßenseite eine Portion Spargel zu essen, mit einem Glas Muscat. Dann ein Spaziergang durch die Weinberge und zum Ausklingen ein kräftiger Pinot Noir auf der Terrasse Arnold. Das sollte genug sein für heute. Schließlich wollte er morgen Lombardi treffen.

 

 

Die Luft roch nach Erde, es wurde kühl auf der Terrasse, Gérard war der einzige Gast an diesem Abend. Er ließ den Wein im Glas kreisen, hielt die Nase über den schmalen Glasrand und sog ein Aroma von Kirsche und Brombeeren ein, schloss die Augen. Ein gutes Essen und ein Glas Wein – viel mehr brauchte er nicht, um mit sich und der Welt zufrieden zu sein, zumindest für den Moment. Am nächsten Tag fuhr Gérard die elsässische Weinstrasse entlang, Richtung Norden. Lombardi hatte das Restaurant Au Potin in Barr als Treffpunkt vorgeschlagen. Barr gefiel Gérard – ein Weindorf mit Fachwerkhäuschen, die aus Erkern und Dachgauben auf verwinkelte Straßen und kleine Plätze hinunter schauten. In der Mitte des Markplatzes plätscherte ein Brunnen. Es war kurz nach zwölf.

„Aalglatt“, das hatte Gérard schon gedacht, als er das Foto Lombardis auf dessen Homepage betrachtet hatte. Und das dachte er auch jetzt, als er ihn am Tresen des Au Potin erkannte, als Lombardi aufstand, ihm entgegen kam und sagte: „Monsieur le Commissaire?“ Gérard nickte. „Bonjour“, sagte er, setzte sich auf einen Barhocker neben Lombardi und griff nach einem der sechs gekochten Eier, die einen Salzstreuer in einem Keramikgefäß umringten.

Er sah Lombardi an, pellte das Ei. „Was trinken Sie?“ fragte Lombardi. „Erzählen Sie mir etwas“, sagte Gérard, „ich halte mich erst einmal an das Ei.“ Während Lombardi redete, versuchte sich Gérard ein Bild davon zu machen, wen er vor sich hatte, wer der Mensch hinter dem bekannten Restaurant-Kritikern war. Lombardi berichtete von Anrufen, bei denen eine unbekannte Person ihm gedroht habe. Wenn er weiter Sterne verteilen wolle, dann solle er von hier verschwinden, habe eine seltsam verzerrte Stimme zu ihm gesagt. Er habe noch nicht einmal erkennen können, ob da ein Mann oder eine Frau zu ihm gesprochen habe. Natürlich seien Gourmet-Sterne für Restaurants wichtig. Aber ob das ein Grund sein könne, einen Menschen zu bedrohen? „Was halten Sie davon?“ sagte Lombardi.

Gérard streute etwas Salz auf den Eistumpf in seiner linken Hand und bevor er ihn in den Mund schob, sagte er: „Zeigen Sie mir den Drohbrief, von dem Sie am Telefon gesprochen haben.“

Fortsetzung folgt…

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Der Autor: Carsten Brinzing ist freier Autor und Journalist.
Mehr Infos unter www.portrait-schreiber.de

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